Spiegelau

Familienabenteuer im Bayrischen Wald

(Sommer 2008) Es ist finster. Stock finster. Ich sitze mit meinem Töchterchen auf einem Waldweg auf dem Boden und lausche. Es ist so dunkel, dass wir kaum die Hand vor den Augen sehen. Eine Taschenlampe haben wir nicht dabei. In der Ferne hören wir einen Kuckuck rufen. Wie im Märchen. Angst? Eigentlich nicht. Komisch. Ich dachte eigentlich, dass ich mich im Dunklen im Wald durchaus fürchten würde oder dass zumindest meine Tochter sich an mir festkrallen würde, vor Angst. Wir nehmen Teil an einer Nachtwanderung. Keine Fackelwanderung. Nein. Licht haben wir alle keines dabei. Hier geht es darum, die Sinne zu schärfen. Die Pupillen werden größer, machen Schatten aus, und die Ohren werden geschärft. Antje Laux, Agnes Tönsing und Hanni Reischl von der WaldZeit führen uns durch den stockfinsteren Wald. Zu Beginn bitten sie uns, ruhig zu sein. Ganz ruhig. Zum einen aus Respekt vor dem schlafenden Wald, den ruhenden Tieren. Zum anderen seien unsere Chancen dann größer, ein Tier zu sehen. Außer den Eulen, die wir rufen hören, begegnen wir keinen Tieren. Trotzdem ist diese Wanderung im Finsteren ein tolles Erlebnis. Spannend; nicht nur für die kleinen Teilnehmer.

Wir kommen zurück ins Lager. Heute nächtigen wir im Wildniscamp in Falkenstein, einer einmaligen Einrichtung, mitten in der Wildnis des Bayerischen Waldes. In die Landschaft geschmeidig eingepasst und weit entfernt von einander stehen hier sechs verschiedene Hütten: Ein Wiesenbett, eine Erdhöhle, ein Baumhaus, ein Waldzelt, eine Wasserhütte und ein Lichtstern. Vor unserer Wanderung durften wir jedes Lager ansehen und entscheiden, welche Familie in welcher Behausung schläft. Alle Jungs der Gruppe waren sich einig: das Baumhaus wird es sein. In diesem riesigen, auf dicken Stämmen mitten im Wals gebauten Haus, schläft man in riesigen Hängematten. „Wir Jungs zusammen!“ hatten sie verkündet. „Ohne Erwachsene!“ Doch während der Wanderung, als klar wurde, wie dunkel der Wald wird, wurden die Jungs immer stiller. Bei der Rückkehr zum Lager war es nur noch mein Sohnemann, der darauf bestand, im Baumhaus zu schlafen. Damit er nicht ganz alleine ist, packte mein Freund seinen Schlafsack uns zog zu ihm ins Baumhaus.

Die Entscheidung, in welchem Lager zu nächtigen, ist im Wildniscamp gar nicht so einfach. Zu meinem Favoriten gehörte auf jeden Fall die Wasserhütte. Sie ist über einen Bach gebaut. Nachts hört man den Bach rauschen und die Bäume im Wind. Herrlich. Hier fühlt man sich wie in Kanada. Wildnis pur. Am liebsten würde ich mich eine ganze Woche lang in diese Hütte verziehen. Handy aus. Keine Ablenkung. Nur Natur und die Familie um sich. Und das ohne langem, beschwerlichem Flug nach Kanada oder Skandinavien. Die Hütten sind alle einfach eingerichtet, aus Materialien aus der Region. Rund 6 Personen haben in jeder Hütte platz.

Doch vor der Nachtruhe kommt das Lagerfeuerfeeling. Alle Kids sammelten eifrig Äste und Gehölz und schon brannte ein herrliches Feuer. Stockbrot backen! Mit ungeduldiger Vorfreude hielten alle Kinder ihren Teig am Stock ins Feuer. Schon bald begann das Brot herrlich zu duften und wir Erwachsenen freuten uns darauf, ein Stückchen abzubekommen. Bei einem Gläschen Wein genossen wir den Abend und schauten unseren Kindern zu, die das Lagerleben im Wald in vollen Zügen genossen.

Das Camp wurde als Umweltbildungseinrichtung vom Nationalpark Bayerischer Wald mit Unterstützung der DBU (Deutsche Bundesstiftung Umwelt) erbaut. Unter der Woche führt die Nationalparkverwaltung dort überwiegend Schulklassenprogramme durch. An den Wochenenden hat der Verein WaldZeit die Möglichkeit, das Camp auf für Familiengruppen, Vereine und Firmenincentives zu öffnen.Der Verein WaldZeit, das sind Biologen, Geografen, Landespfleger und Waldführer aus der Region, die den Besuchern das Paradies Bayerischer Wald näher bringen wollen. Man merkt den Mitgliedern der WaldZeit die Liebe und Verbundenheit zur Natur an, in jedem Augenblick. Sie öffnen die Augen und Herzen für die kleinen Details des Waldes.

Der Bayerische Wald hat uns gewonnen. Die Natur, die Ruhe, die Menge an Abenteuerangeboten machen den Nationalpark zu einem fantastischen Reiseziel – egal ob für ein Wochenende oder die ganzen Ferien. Vor allem für Familien gibt es hier unglaublich viel Spannendes und Abwechslungsreiches zu erleben. Unseren Einstieg in den Nationalpark erlebten wir auf dem längsten Spielplatz, den wir je gesehen haben. Nein, nicht nur Spielplatz: Erlebniswelt! Das Waldspielgelände von Spiegelau. Auf rund 2,5 km Strecke erstreckt sich hier ein Spiel- und Erlebnispfad, auf dem man gut einen ganzen Tag lang verbringen kann. Reichlich Picknick mitbringen und die Kinder toben lassen. Auch hier gibt es Stationen, auf denen man die Natur „hautnah erleben kann“. An einer Station zieht man die Schuhe aus und läuft über verschiedene Böden. Die Fußsohlen erfühlen die verschiedenen Materialien. An anderen Stationen kann man klettern, schwingen, balancieren. Und eines sei gesagt: kein Erwachsener begnügt sich hier mit Zusehen. Der Spaß und die Neugierde ist zu groß! Petra Jehl macht ein Spiel mit uns: Ein Kandidat verbindet die Augen, der andere führt den Blinden vom einem Ausgangspunkt zu einem beliebigen Baum und wieder zurück. Danach wird die Augenbinde entfernt. Findet man jetzt zurück zu dem Baum? Das Spiel schärft die Sinne. Man horcht auf den Wald, um eine Orientierung zu gewinnen. Klasse!

Unser nächster Halt ist  beim Waldwipfelpfad in Neuschönau. Ein beeindruckendes Bauwerk! Der Baumwipfelweg ist 1.300 Meter lang und schlängelt sich auf einer Höhe von 8 bis 25 Meter durch Buchen, Tannen und Fichten. Besonders klasse: Der Baumwipfelweg ist barrierefrei! Sprich: Kinderwägen oder Rollstühle sind hier kein Problem. Es ist erhaben, den Wald von oben betrachten zu können. Stundenlang könnte man hier verharren und beobachten. Wahrhaftiger Höhepunkt des Pfades ist der Turm. Der „Baumturm“ isst 44 Meter hoch. Auf dem Dach des Turmes wird man mit einem überragenden Blick belohnt. Auf der einen Seite der Bayerische Wald, auf der anderen Seite der Böhmische Wald. Grenzenlos ist der Blick und das Gefühl, das man hier, auf dem Dach der Erde, erlebt. Der Waldwipfelpfad ist auch im Winter eine tolle Sache. Wenn die Landschaft verschneit und ruhig unter einem liegt…. Himmlisch!

Im Freilichtmuseum in Finsterau tauchen wir in die Vergangenheit ein. Auf einem riesigen Gelände, dicht an der böhmischen Grenze, wurden alte, uralte Höfe mit antiker Ausstattung, urigen Stuben und g’mütlichen Küchen hier originalgetreu wieder aufgebaut. Die Höfe standen zuvor im Gebiet Bayerischer Wald und drohten zu verfallen. Einen Rundgang im Freilichtmuseum sollte man unbedingt mit Führungspersonal durchführen. Denn sie wissen die Anekdoten zu jedem Haus. So wird jeder Raum lebendig. In unserer Magengrube kribbelt es, als wir quasi erleben, wie mehrere Kinder einer Familie in einem Bett auf Stroh gebettet schlafen mussten – im Dunklen und winters im Eisigen, freilich. Denn damals gab es keinen Strom. In einer Stube sitzen wir um einen großen Holztisch versammelt, wie seinerzeit der Hofherr, die Frau und die Mägde und Stallburschen. Das Personal durfte erst essen, wenn die Hausherren gespeist hatten und alle aßen aus einer Schüssel.

Jeder Hof, jedes Zimmer, birgt Schicksale, zu denen wir alle Details erfahren wollen.

Gespannt, wie kleine Kinder, hören wir jede Geschichte. Das Freilichtmuseum ist ein Erlebnismuseum – und für Kinder ein Eldorado und für uns ein kulinarisches Highlight unseres Besuches im Bayerischen Wald. Denn hier im Freilichtmuseum wird in einem urigen, winzigen Restaurant, das natürlich ebenfalls ein originales Wirtshaus aus dem vergangenen Jahrhundert ist, der beste Schweinebraten der Welt serviert. Rat: Unbedingt einen Tisch reservieren! Denn die Stube ist winzig und die Küche begehrt!

Unsere letzte Station im Bayerischen Wald ist das „Haus der Wildnis“ und das Nationalparkzentrum Falkenstein. Im Haus der Wildnis wird man auf das Wildgehege eingestimmt. Hier lernt man, interaktiv, von Pflanzen und Tieren, die im Nationalpark leben. Dann starten wir zum Spaziergang durch über 24.000 ha großen riesigen Park. Hier leben Förster, Pädagogen, Zoologen und viele mehr ihren Traum. Zusammen haben sie einen Park geschaffen, der alles vereint: Zoo, Naturerlebnis, Spiel und Erlebnis. Spannend gleich das erste Gehege: hier haben sich Wölfe im Dickicht versteckt. Auf einem Aussichtsturm verharren wir eine ganze Weile bewegungslos, bis wir einige der scheuen Wölfe im Wald entdecken. Sie haben sich so geschickt in die Büsche verdrückt, dass wir sie kaum ausmachen können. Ein stolzes Tier, der Wolf. Ein schönes Tier. Weiter geht unser Spaziergang vorbei an Wildpferden, Raubkatzen, Rotwild und – Urrindern. Die Urrinder sind mächtige Tiere, die Respekt einflößen. Gut, dass ein Zaun zwischen uns gezogen ist….

Unser Urlaub im Bayerischen Wald geht zu Ende. Leider. Wir könnten noch viel mehr Zeit hier verbringen und jede Minute des Tages mit spannenden Abenteuern und Erlebnissen bereichern. Wir kommen wieder und werden einige unserer Stationen wiederholen und neue entdecken.

Urlaubsinfos:

Urlaub in Spiegelau: www.spiegelau.de

Hoteltipp: Hotel Tannenhof in Spiegelau. Eine gemütliche Pension, von der aus man alle Ausflüge in den Bayerischen Wald bequem starten kann. Die Chefin Elke Stieglmeier begrüßt in ihrem Dirndl einen jeden Besucher mit Charme. 7 ÜN inkl. HP im DZ gibt es schon ab 359 Euro pro Person. www.landhotel-tannenhof.de

Waldwipfelpfad. www.baumwipfelpfad.by

Freilichtmuseum Finsterau. www.freilichtmuseum.de

Nationalparkzentrum Falkenstein. www.nationalpark-bayerischer-wald.de

Die Gästekarte: Kostenlos und beuem unterwegs mit Bus & Bahn! Kostenlose Nutzung der Igelbusse und und ÖPNV-Linien, kostenlose Nutzung der Waldbahn, kostenlose Teilnahme an Wanderungen, und viele Ermäßigungen bei Eintritten und Einkäufen. www.bayernwald-ticket.com

Abenteuerprogramme im Bayerischen Wald: www.die-erlebnis-akademie.de

Natur und Tiere erleben: www.tierisch-wild.com

(21. November 2010)

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