Blockhüttenzauber in Finnland

Mit Familie in einer Blockhütte in Finnland

Stille. Absolute Stille. Wunderbare Ruhe. Nur ab und an spielt eine sanfte Windböe mit den Baumwipfeln. Wir blicken auf den See hinaus und genießen. Wir sind angekommen. Abseits der Zivilisation, ganz allein, sitzen wir am See. Dies ist für eine Weile unser Zuhause: Eine Blockhütte, irgendwo in Finnland. Eingewöhnungsphase? Brauchen wir nicht. Hier fühlen wir uns wohl.


Fünf Stunden Fahrt quer durch Finnland Richtung Nord-Ost haben wir hinter uns, nach einem relativ kurzen und angenehmen Flug mit SAS von München über Kopenhagen nach Helsinki. Fünf Stunden lang erinnert die Landschaft an die Weiten Kanadas. Wir fahren durch Mischwälder, ununterbrochen. Ab und an ein Blick auf die vielen Wasserwege. Die Straßen sind angenehm, das Fahren kein Stress. 120 Kilometer pro Stunde auf Autobahnen, 80 km pro Stunde auf Landstraßen sind vorgeschrieben. Zu unserer großen Überraschung halten sich die Autofahrer allesamt an die Geschwindigkeitsbeschränkung. Kein Rasen. Keine riskanten Überholmanöver. (Strafzettel sind teuer in Finnland, so der Grund.) Die Anfahrtsskizze, die wir von unserem Reiseveranstalter fintouring bekommen haben, macht die Orientierung herrlich einfach. Sobald wir die Autobahn verlassen: kaum noch Verkehr. Das letzte Dorf haben wir erreicht: Heinävesi. Nun geht es 20 Kilometer ab von der Landstraße, weg von der Zivilisation, über einen Schotterweg ins wilde Gestrüpp. Jeden Moment rechnen wir damit, einem Elch gegenüber zu stehen. An vereinbarter Stelle treffen wir Raija Asikainen und ihren Mann Teuvo, die Eigentümer der Blockhütte, die nun für eine Weile unser Zuhause sein wird. Raija begrüßt uns auf Deutsch. „Ich habe es in der Schule gelernt“, sagt sie. „Ich kann noch ein bißchen…“ Die Asikainens fahren mit ihrem Wagen vorweg, führen uns zu unserem Feriendomizil. Der erste Eindruck. Wir sind begeistert. Ruhig liegt der See vor uns. Ein Kanu, ein Cayak und ein Ruderboot mit Außenbordmotor liegen am Wasser. Im Schuppen finden wir fünf Schwimmwesten und jede Menge Brennholz. 20 Meter vom Strand: die Blockhütte. Und sonst gar nichts! Wunderbar! Das Blockhaus hat eine Veranda mit rustikaler Sitzecke. Der Wohnbereich ist 86 qm groß. Zwei Schlafzimmer bieten gemütlichen Platz für eine ganze Familie. Das Hauptzimmer besteht aus einer Wohnküche und einer Sitzecke. Zur Grundausstattung der Häuser in Finnland gehört eine Sauna. Wir haben außerdem warm Wasser und WC. Beides ist nicht unbedingt Standard in Ferienhütten in Finnland. Familie, allein Teuvo Asikainen hat diese Hütte selber gebaut, mit eigener Hand, aus massiven Holzbalken vom eigenen Grund.


80 Hektar Wald besitzen die Asikainens. Ererbtes Land. Die beiden empfangen uns mit einem warmen Lächeln. Raija hat aus selbstgesammelten Beeren einen Kuchen für uns gebacken. Den Kachelofen in unserer Wohnstube haben sie vorgeheizt. Die Kinder rennen hinab zum Ruderboot. Teuvo klettert sogleich hinein, hilft den Kindern zu sich an Bord und sie drehen eine Runde auf dem See. Raija erzählt mir derweilen, dass wir hier draußen weder Schlangen noch Bären fürchten müssen. Auch Elche würden uns nicht über den Weg laufen. Sie seien viel zu scheu. Schade! Einen Elch hätten wir doch zu gerne gesehen. Der See, so erzählt sie weiter, ist so sauber, dass man das Wasser trinken könnte. Im Winter, erfahre ich, liegt hier eine ein-Meter-hohe Schneedecke. Hell ist es dann nur 6 Stunden am Tag. Auf dem See liegt eine dicke Eisschicht; man kann sogar Auto auf dem Eis fahren. Vereinzelt finden Einheimische hinaus aufs Eis. Sie hacken ein Loch in die eisige Decke und angeln. Die Asikainens verabschieden sich. Wir sind allein. Als erstes richten wir uns gemütlich ein, packen die Koffer aus. Die Wandschränke bieten genug Platz für die Klamotte einer ganzen Familie. Dann braten wir Burger in der Pfanne und essen draußen auf der Terrasse. Proviant und wichtige Utensilien des täglichen Lebens hatten wir dank dem Tipp einer netten Mitarbeiterin unseres Autoverleihers in Helsinki direkt nach der Landung in einem Einkaufszentrum um die Ecke des Flughafens gekauft, im Kauppakeskus Jumbo (auf dem Flughafenstraßenplan eingezeichnet). Hier gibt es jeglichen Proviant und alle Utensilien, die das Abenteurer-Herz begehren. (Anmerkung der Redaktion: die Preise für Lebensmittel sind in Finnland um einiges höher als in Deutschland.) Als die Kinder längst Fangen am See spielen, meinen einige Stechmücken, eine gemeine Attacke gegen uns fliegen zu müssen. Doch auch hier sind wir gerüstet: Anti-Mücken-Spray und eine stark rauchende Anti-Mücken-Fackel aus dem Supermarkt in Helsinki vertreibt die lästigen Insekten. Wir können unser Glas Wein zu Ende genießen, auf den See blicken und unsere sehr glücklichen Kinder beobachten. Am nächsten Morgen braten wir uns ein leckeres Frühstück mit Eiern und Speck. Mozart vom Laptop begleitet uns auf seinem Klavier, sanft. Und dann: eine Premiere: unser Sohnemann spült ab. Im Zeitalter der Spülmaschine ist dies eine spannende Entdeckung für ihn - und wir profitieren. Dann ein vergnügter Schrei: Papa ist splitterfasernackig in den See gesprungen. Der Tag kann beginnen!


Abenteuer

Mit einem Picknickkorb gerüstet starten wir den Außenbordmotor des Bootes und erkunden die Seen. Stundenlang kann man sich hier durch die Buchten schlengeln: Wald, wohin man blickt, und Schilf und Seerosen. Seerosen sind ein Zeichen dafür, dass das Gewässer gesund ist. Wir halten uns an die markierte Hauptwasserroute, da wir uns sonst im Nu verirren würden. Finnland hat fast 200.000 Seen, Wälder von Horizont zu Horizont, Berge und Tundren in Lappland, 34 Nationalparks, Tausende Kilometer Küstenlinie. Hinter dem Dickicht am Strand der Seen versteckt spitzen hier und da Holzhütten zwischen den Baumwipfeln hervor. Die Idylle ist perfekt. Denn vom Haus aus kann man das Wasser stets gut sehen. Doch vom Wasser aus sind die Häuser kaum sichtbar. In Finnland ist es ganz normal, dass Familien zwei Häuser haben, erfahre ich später von Raija: ein Haus in der Stadt und ein Haus am See. Im Sommer leben die Finnen am See. Wenn der Winter kommt, ziehen sie zurück in die Stadt. Auf einem Felsen nahe einer Schleuse machen wir Halt, verschmausen unser Picknick, genießen die Sonne und gehen Schwimmen. Nach unserer Rückkehr feuern wir die Sauna ein. In unserer Hütte wird die Sauna nicht elektrisch sondern durch einen Holzofen betrieben. Saunen gehört in Finnland seit 2000 Jahren fest zur Kultur. Früher galt sie gar als heilig. In der Sauna wurde nicht nur gebadet, gewaschen und geräuchert; es wurden auch Kinder geboren. Nach uraltem Volksglauben durchweht Iöyly, der „gute Geist der Sauna“, das Dampfgewölk. Wir steuern die Temperatur nicht allzu heiß, so dass sie auch für die Kids angenehm ist. Nach jedem Gang jagen wir nackig die Wiese hinunter in den See. Das Wasser: erfrischend aber nicht zu kalt. Und es ist weich. Das Wasser ist weich. Mit einer Haut weich wie Babypopo fallen wir am Abend sehr früh ins Bett. Egal bei welcher Exkursion - zu Wasser oder zu Land: wir begegnen stets nur sehr wenigen Menschen. Auch die Straßen sind selten befahren. Ab und an kommt uns ein Wagen entgegen. Wir empfinden das fast schon exotisch. Doch auch Tiere bekommen wir fast nicht zu sehen. Der Wald ist so groß, dass sich die scheuen Tiere gut vor uns Menschen verstecken können. Heinävesi, das Seengebiet in dem wir wohnen, ist 1.318 qm Kilometer groß und hat dabei nur 4.500 Einwohner. 20% der Fläche Heinävesis ist Wasser. Im Städtchen Heinävesi lassen wir uns im einzigen Gasthaus nieder und bestellen bei einer sehr netten jungen Frau, die gebrochen englisch spricht, zwei Cappuccino für Mama und Papa und zwei Eis für die Kinder. Stolze 12 Euro kostet der Genuss. Touristen treffen wir in Heinävesi keine. Ab und an schlendert ein Einheimischer in den Supermarkt gegenüber. Eine ältere Dame im Polyester-Jogginganzug bittet uns freundlich lächelnd um eine Zigarette. Leider sind wir Nichtraucher. In einem Krämerladen, der klein aber gut sortiert ist, kaufen wir ein Moskitonetz für unsere Eingangstür. Unsere Blockhütte hat zwar unter jedem Fenster ein Lüftungsloch. Doch möchte ich die herrliche finnische Luft noch mehr genießen und die Türe sperrangelweit auf lassen - und das ohne Schnakenbesuch. Im Hafen von Heinävesi ist keine Menschenseele. Ein paar Boote dümpeln malerisch vor sich hin. Auch die Hafenwacht ist nicht anwesend. Ein verschlafenes Örtchen, inmitten der Wildnis, so scheint es. Wir schlendern auf den schwimmenden Steg hinaus, legen uns auf das Dock, lassen uns von den Wellen sanft schaukeln und verweilen.


Savonlinna

Einen Besuch in der Zivilisation wagen wir denn doch: wir fahren nach Savonlinna, rund 80 Kilometer südlich von Heinävesi. Savonlinna ist auf jeden Fall einen Stopp wert. Die über 500 Jahre alte Burg Olavinlinna, die auf einem Felsen im Wasser gebaut ist, ist wunderschön erhalten. Dort erfahren wir Interessantes über die Geschichte Finnlands, über den Kampf der Schweden und der Russen um das Inselland. Es gibt eine kleine Strandpromenade mit einem großen Spielplatz und einem niedlichen Café. In Savonlinna ist man sichtbar mehr auf Touristen eingestellt. Hier kann man u.a. an Bord hübscher Ausflugsboote gehen und ein- oder mehrtägige Bootstouren unternehmen. Nach unserem Ausflug freuen wir uns auf die Rückkehr in unsere einsame Hütte am See. Jeden Abend wiederholen wir unser Sauna-See-Ritual. Bei Sonnenuntergang ab in den See - bei wunderbar goldenem Licht. Unsere Kinder avancieren während dieses Urlaubs zu wahren Sauna-Fans. „Schade, dass Finnland so weit weg ist!“ Darauf besteht unsere Tochter. „Sonst könnten wir einfach hierher spazieren und in die Sauna gehen!“


Abschied

Viel zu schnell heißt es: Abschied nehmen von unserem idyllischen Paradies in der Wildnis und im Niemandsland. Zu gerne wären wir geblieben und hätten uns länger von der Welt verabschiedet. Für unsere Kinder war es Abenteuer-Urlaub pur: Bootfahren, Angeln, Saunen, Natur und Mama und Papa ganz für sich allein haben - ohne Ablenkung, ohne Telefon und Büro, ohne TV oder Pflichten, die rufen. Finnland ist perfekt für einen Familienurlaub. Überall ist man auf Kinder eingestellt. Ein Urlaub in einer Hütte in der Einsamkeit ist optimal für den gestressten Manager, der einmal nur mit sich, seiner Familie und der Natur sein möchte; oder für die abenteuerlustige Familie, die gerne selber - ohne Clubanimation - aktiv wird. Und: Trotz Wildnis und Natur pur muss hier keiner auf Komfort verzichten. Die Blockhütten sind je nach Geschmack ausgestattet. Wer näher an die Zivilisation ran möchte, kann diesen Wunsch bei der Buchung äußern. Wer eine bequeme Ausstattung mit Mikrowelle, TV, Toilette und Warm-Wasser liebt, muss auch darauf nicht verzichten. Wir hatten zwar TV. Doch der Kasten blieb die ganze Zeit aus. Familienspiele am Abend machen Spaß. Und ein gutes Buch sollte auch nicht fehlen. Das Wetter mit seinen konstanten 25 Grad war traumhaft. Unser Reisetest Finnland hat nur ein Ergebnis gebracht: 100 Punkte! Wir empfehlen für einen Urlaub in Finnland mindestens zwei Wochen einzuplanen. Wir freuen uns schon jetzt auf unseren nächsten Besuch in Finnland - dann vielleicht im tiefsten Winter… Fünf Stunden Fahrt quer durch Finnland Richtung Nord-Ost haben wir hinter uns, nach einem relativ kurzen und angenehmen Flug mit SAS von München über Kopenhagen nach Helsinki. Fünf Stunden lang erinnert die Landschaft an die Weiten Kanadas. Wir fahren durch Mischwälder, ununterbrochen. Ab und an ein Blick auf die vielen Wasserwege. Die Straßen sind angenehm, das Fahren kein Stress. 120 Kilometer pro Stunde auf Autobahnen, 80 km pro Stunde auf Landstraßen sind vorgeschrieben. Zu unserer großen Überraschung halten sich die Autofahrer allesamt an die Geschwindigkeitsbeschränkung. Kein Rasen. Keine riskanten Überholmanöver. (Strafzettel sind teuer in Finnland, so der Grund.) Die Anfahrtsskizze, die wir von unserem Reiseveranstalter fintouring bekommen haben, macht die Orientierung herrlich einfach. Sobald wir die Autobahn verlassen: kaum noch Verkehr. Das letzte Dorf haben wir erreicht: Heinävesi. Nun geht es 20 Kilometer ab von der Landstraße, weg von der Zivilisation, über einen Schotterweg ins wilde Gestrüpp. Jeden Moment rechnen wir damit, einem Elch gegenüber zu stehen. An vereinbarter Stelle treffen wir Raija Asikainen und ihren Mann Teuvo, die Eigentümer der Blockhütte, die nun für eine Weile unser Zuhause sein wird. Raija begrüßt uns auf Deutsch. „Ich habe es in der Schule gelernt“, sagt sie. „Ich kann noch ein bißchen…“ Die Asikainens fahren mit ihrem Wagen vorweg, führen uns zu unserem Feriendomizil. Der erste Eindruck. Wir sind begeistert. Ruhig liegt der See vor uns. Ein Kanu, ein Cayak und ein Ruderboot mit Außenbordmotor liegen am Wasser. Im Schuppen finden wir fünf Schwimmwesten und jede Menge Brennholz. 20 Meter vom Strand: die Blockhütte. Und sonst gar nichts! Wunderbar! Das Blockhaus hat eine Veranda mit rustikaler Sitzecke. Der Wohnbereich ist 86 qm groß. Zwei Schlafzimmer bieten gemütlichen Platz für eine ganze Familie. Das Hauptzimmer besteht aus einer Wohnküche und einer Sitzecke. Zur Grundausstattung der Häuser in Finnland gehört eine Sauna. Wir haben außerdem warm Wasser und WC. Beides ist nicht unbedingt Standard in Ferienhütten in Finnland.

(03. November 2008)

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